Mehr als eine Familienchronik

Von Dr. Jürg Auf der Maur

Dr. Jörg Auf der Maur
Dr. Jörg Auf der Maur, Historiker, anlässlich der Auf der Maur Tagung in Schwyz am 23. Mai 2004

Ich wurde vom OK angefragt, einige persönliche Gedanken als Vertreter der Familie Auf der Maur und damit als Leser, aber auch aus Sicht des Historikers zum Buch von Franz Auf der Maur vorzutragen. Ich habe diese Aufgabe gerne angenommen, zumal ich zu jenem Kreis der Auf der Maur gehöre, die seit Jahren der Publikation dieses Werkes entgegen fieberten.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als junger Student der Geschichtswissenschaften, zusammen mit meinem Onkel Abt Ivo Auf der Maur, Franz Auf der Maur in Brunnen besuchen durfte. Das war vor rund 20 Jahren. Franz erklärte uns, wie weit er mit seinen Forschungen bereits ist, wo die Klippen und Schwierigkeiten liegen und weshalb es wohl noch etwas länger dauere, bis die Publikation zur Geschichte der Familie Auf der Maur vorliege. Mich hat dieser Blick in die Forschungswerkstatt von Franz Auf der Maur beeindruckt und mein Interesse am Buch erst recht geweckt.

Damals stand eine Frage im Mittelpunkt. Soll Franz seine umfassenden Forschungsergebnisse, die bis dahin fein säuberlich auf Karteikarten festgehalten waren, neu digital erfassen. Soll Franz also den Sprung vom Karteikasten zum PC wagen? Neben zusätzlichen Kosten bedeutete ein solcher Schritt zunächst massive Mehrarbeit, weil alles nochmals neu erfasst werden musste.

Man mag aus heutiger Sicht schmunzeln über solche Fragestellungen. Aber damals war auch in Historikerkreisen alles andere als klar, dass für unser Handwerk der PC ein wirklich wichtiges Arbeitswerkzeug werden könnte. Auch an den Universitäten herrschte zu Beginn der 80-er Jahre die Meinung vor, Computer seien allenfalls für die sogenannt exakten Wissenschaften unumgänglich, für uns Historiker im besten Fall aber ein Hilfsmittel, mit denen Texte einfacher erfasst, korrigiert und ergänzt oder gekürzt werden könnten.

Man kann Franz Auf der Maur nur gratulieren, dass er sich entschied, die neue Technik zu nutzen. Wer die über 800 Buchseiten mit den unzähligen Querverweisen und Literaturhinweisen betrachtet, kann sich jedenfalls kaum vorstellen, dass man eine solche Flut von Informationen ohne PC hätte bewältigen können.

Das jetzt vorliegende Buch, und das möchte ich gleich zu Beginn klar und deutlich festhalten, ist mehr als gelungen. Es sprengt, wie es im "Boten der Urschweiz“ hiess, „alle Dimensionen“. Was Franz Auf der Maur vorlegt, ist nicht eine übliche Familienchronik, sondern ein wissenschaftlich fundiertes Buch, das über seinen ursprünglichen Zweck weit hinausreicht.

Wer selber schon einmal versuchte, seine Vorfahren nur über zwei bis vier Generationen zurück zu verfolgen, kann erahnen, wie viel Arbeit hinter dem vorliegenden Buch steckt.

Als ich das druckfrische Buch in den Händen hielt, erging es mir wohl wie allen von uns. Ich machte verschiedene Phasen und Gefühlsregungen durch.

Phase I
Ich konnte mich nicht dagegen wehren, zunächst mächtig stolz zu sein: Auf meinen Familiennamen mit seiner langen, historisch nachweisbaren Tradition, aber auch auf die Tatsache, dass unsere Familie nun über ein solch ausführliches Buch zur Familiengeschichte verfügt.

Phase II
Alle, auch ich, haben sehr schnell mit der eigenen Spurensuche begonnen und geschaut, wie weit die eigene Familie nun historisch zurückverfolgt werden kann. Zunächst stutzte ich über das Register mit dem Heiratsjahr, dank den Gravuren im Ehering erleichtert das aber sicher uns allen den Einstieg in die Forschung... Das System jedenfalls überzeugt. Nach knapp 20 Minuten wusste ich, dass meine Familie bis um 1400 plus/minus lückenlos belegt ist.

Phase III
Die dritte Phase dauert dann viel länger. Wer sorgfältig zu lesen beginnt und sich Zeit nimmt, die einzelnen Vorfahren genauer zu betrachten, kommt ins Sinnieren.

Man sieht hinter den Namen Schicksale und stellt sich Fragen. Wieso zog ein Ast der Auf der Maur vom Talkessel Schwyz ins Ibrig und später wieder zurück? Wieso gingen meine Vorgänger in fremde Dienste nach Mailand. Aus Geldsorgen? Aus Abenteuerlust? Und weshalb nach Mailand und nicht nach Paris? Wieso musste Jost Uff der Mur in der Schlacht von Marignano umkommen, zur selben Zeit, in welcher er neue Liegenschaften erwarb? Was bedeutete das konkret für das Leben der Hinterbliebenen, für die Witwe mit ihren Kindern?

Ohne es zu merken, wird der Leser damit zum neugierigen Forscher, der, um solche und ähnliche Fragen beantworten zu können, wohl früher oder später weiterführende Literatur hinzunimmt, oder den Gang in die Kantonsbibliothek oder ins Staatsarchiv wagt.

So wird aus der von Franz Auf der Maur vorgelegten Familiengeschichte eine spannenden Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Inneren Kantonsteils und damit ein weiteres Kapitel in der Historiografie des Kantons Schwyz seit 1250.

Damit habe ich angetönt, dass ich das Buch über seine ursprüngliche Funktion als Genealogie der Familie Auf der Maur auch für wissenschaftlich sehr wertvoll erachte. Weshalb? Es gibt viele Aspekte, mit denen ich meine Ansicht belegen kann. Ich beschränke mich auf einige wenige Hinweise.

Zunächst entspricht die Arbeit von Franz Auf der Maur wissenschaftlichen Kriterien. Die quellen wurden sorgfältig transkribiert, die Aussagen und These mit Literaturhinweisen belegt. Wo die Quellenlage mehrere Deutungen zuliess, macht Franz auf der Maur solche Stellen transparent und verzichtet auf letztlich nicht nachweisbare Spekulationen und Behauptungen.

Deshalb wird das Buch, davon bin überzeugt, auch vielen Forscherinnen und Forschern von Nutzen sein. Wer immer sich mit Geschichte beschäftigt, trifft auf eine Vielzahl von Personen, die identifiziert und in die eigene Forschungsarbeit eingebettet werden müssen. Das Auf der Maur-Buch setzt hier Standards. Es wird zum unverzichtbaren Nachschlagewerk für alle, die in irgendwelchen Akten und Dokumenten auf einen Auf der Maur stossen.

Das Buch eröffnet schliesslich auch den Blick für neue Forschungsansätze und wird zum Ausgangspunkt für neue Forschungsarbeiten. Man könnte etwa untersuchen, weshalb die Auf der Maur zwar einige Landammänner, Regierungsmitglieder oder Landvögte stellten, den Druchbruch zu den absoluten Top-Adressen im Kanton Schwyz letztlich aber nicht schafften. Man könnte die Flut von Daten und Namen aber auch zum Anlass nehmen, die Familienpolitik der Auf der Maur genauer unter die Lupe zu nehmen. Wann wurde geheiratet, in welchem Alter, mit welchen Partnerinnen und Partnern? Wie sieht es mit den Geburtenraten aus? Wie alte wurde der durchschnittliche Auf der Maur. Unterscheidet sich da das Verhalten der Auf der Maur von den damals gültigen Mustern im Kanton Schwyz?

Man könnte noch mehr Beispiele aufzählen. Ich will es mit diesen wenigen Hinweisen belassen und komme zum Schluss: Das Buch von Franz Auf der Maur hilft nicht nur uns Auf der Maur auf der Spurensuche nach Herkunft und Identität. Es wird ein wichtiges Nachschlagewerk werden für alle jene Historiker und Geschichtsinteressierte, die während ihrer Arbeit auf einen Vertreter des Geschlechts Auf der Maur treffen oder sich in der einen oder anderen Art mit der Geschichte des Kantons Schwyz beschäftigen.

Goldau, Februar/September 2004

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